Über den Trauerfall (1)
Hier finden Sie ganz besondere Erinnerungen an Georg Baselitz, wie z.B. Bilder von schönen Momenten, die Trauerrede oder die Lebensgeschichte.
Georg Baselitz
02.05.2026 um 11:14 Uhr von RedaktionEin Leben gegen die bequeme Ordnung
Georg Baselitz war ein Künstler, der nicht dort blieb, wo die Dinge ihren festen Platz zu haben schienen. Er wurde am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern in Deutschbaselitz geboren, in eine Zeit und eine Landschaft hinein, die von Zerstörung, Verlust und ideologischen Zumutungen gezeichnet waren. Dass aus diesem Anfang ein Werk hervorging, das die Malerei der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so entschieden mitprägte, gehört zu den großen Spannungen seines Lebens. Baselitz suchte nicht nach Glätte, nicht nach Beruhigung, nicht nach einer schönen Oberfläche, hinter der alles wieder geordnet erscheinen durfte. Er wollte sehen, was unter der Ordnung lag. Und er wollte sichtbar machen, dass ein Bild mehr sein kann als Darstellung: ein Widerstand, ein Einspruch, eine Verwerfung.
Am 30. April 2026 ist Georg Baselitz im Alter von 88 Jahren gestorben. Mit ihm endet ein Künstlerleben, das aus der Erfahrung des Bruchs eine unverwechselbare Sprache entwickelte. Seine Bilder, Skulpturen und Grafiken haben nicht um Zustimmung gebeten. Sie haben sich behauptet, oft rau, oft verletzlich, manchmal provozierend, immer aber getragen von einem tiefen Misstrauen gegenüber fertigen Gewissheiten. Baselitz war kein Maler des gefälligen Blicks. Er stellte den Blick selbst infrage.
Herkunft aus einer beschädigten Welt
Geboren wurde er in der Lehrerwohnung der Schule von Deutschbaselitz, jenem Ort in der Oberlausitz, der später in seinem Künstlernamen weiterklingen sollte. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter ebenfalls Teil dieses pädagogischen Milieus; er wuchs als zweites Kind eines Lehrerehepaars auf. Doch die Welt, in die er kam, war keine behütete Ordnung. Die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs, die Erfahrung einer zerstörten Landschaft und einer zerstörten Gesellschaft, prägten sein Denken und Sehen nachhaltig. Für Baselitz war diese Prägung kein biografischer Hintergrund, den man später hinter sich lässt. Sie wurde zu einem inneren Material seines Werks.
Als er 1956 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee zu studieren begann, zeigte sich früh, dass er nicht in die verlangten Formen passen wollte. Seine Persönlichkeit widersprach den sozialistischen Erwartungen der DDR, und nach zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ von der Hochschule verwiesen. Diese Formulierung, kühl und disziplinierend gemeint, wirkt im Rückblick beinahe wie eine unfreiwillige Vorwegnahme seines künstlerischen Lebens: Baselitz blieb unreif für Systeme, die Reife mit Anpassung verwechseln. Er setzte sein Studium in West-Berlin fort, an der Hochschule der bildenden Künste bei Hann Trier, floh 1958 aus der DDR in den Westteil der Stadt und öffnete sich dort neuen theoretischen und künstlerischen Einflüssen.
Er beschäftigte sich mit Wassily Kandinsky, Ernst Wilhelm Nay und Kasimir Malewitsch, reiste nach Paris und Amsterdam, setzte sich mit Antonin Artaud, Jean Dubuffet und der Kunst der Sammlung Prinzhorn auseinander. Aus all dem entstand keine glatte Synthese, sondern ein Feld von Reibungen. Sowjetische Illustrationen, manieristische Druckgrafiken, afrikanische Skulpturen, die Kunst der Außenseiter und die eigene Erfahrung von Zerstörung wirkten in seinem Werk zusammen. Baselitz nahm Einflüsse nicht auf, um ihnen zu folgen, sondern um sie in eine eigene, unruhige Bildsprache zu verwandeln.
Der Name als Entscheidung
1961 nahm er den Künstlernamen Georg Baselitz an, angelehnt an seinen Geburtsort. Es war mehr als eine Namensänderung. In diesem Namen verbanden sich Herkunft mit Selbstentwurf, Erinnerung mit künstlerischer Setzung. Gemeinsam mit Eugen Schönebeck trat er Anfang der Sechzigerjahre mit Ausstellungen und den pandämonischen Manifesten hervor. Schon damals war deutlich, dass Baselitz nicht auf eine Kunst zielte, die beruhigend in bestehende Erwartungen passte.
Seine erste Einzelausstellung 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz wurde zum Eklat. Bilder wie „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“ lösten Empörung aus und wurden beschlagnahmt. Die Provokation dieser frühen Werke war nicht bloß Geste. Sie hatte mit einer Kunst zu tun, die den Körper, das Beschädigte, das Unbequeme und das Tabuisierte nicht ausblendete. Baselitz stellte Figuren in den Raum, die nicht gefallen wollten. Sie waren roh, verletzlich, obszön, ausgesetzt. In ihnen meldete sich etwas, das nicht in die Nachkriegsglätte passte, nicht in die moralischen Selbstbilder der jungen Bundesrepublik und nicht in die ideologische Ordnung, aus der er gekommen war.
1962 heiratete er Johanna Elke Kretzschmar. Ihre gemeinsame Lebensgeschichte begleitete seine künstlerische Entwicklung über Jahrzehnte hinweg. Die Söhne Daniel Blau und Anton Kern wurden später Galeristen. Auch die Orte seines Lebens wechselten: Forst an der Weinstraße, Schloss Derneburg südlich von Hildesheim, Buch am Ammersee, schließlich Salzburg. Doch so unterschiedlich diese Stationen waren, blieb in seinem Werk die Herkunft aus einem beschädigten Jahrhundert spürbar.
Helden ohne Glanz
Während seines Aufenthalts in der Villa Romana in Florenz 1965 entwickelte Baselitz die Werkgruppe der Helden oder Neuen Typen. Diese Bilder gehören zu den eindringlichsten Auseinandersetzungen mit der Nachkriegsmännlichkeit in der deutschen Kunst. Seine Figuren stehen in kargen Landschaften, groß, beschädigt, entblößt, verwundet. Sie tragen keine triumphale Haltung. Sie wirken, als seien sie aus den Trümmern falscher Ideale herausgetreten, ohne schon eine neue Zugehörigkeit gefunden zu haben.
In ihnen verdichtete sich vieles, was Baselitz beschäftigte: die zerfallenen Versprechen politischer Systeme, die Überreste des Heroischen, das Elend des Pathos, die Einsamkeit des Einzelnen zwischen Ost und West. Diese Männergestalten waren keine Helden im herkömmlichen Sinn. Gerade ihre Zerlumptheit, ihre Haltlosigkeit und ihre Versehrtheit machten sie wahrhaftig. Baselitz entzog dem Heldischen die Bühne und zeigte, was übrig bleibt, wenn die großen Ideale ihre zerstörerische Gewalt offenbart haben.
Hier zeigte sich eine seiner großen künstlerischen Fähigkeiten: Er konnte Geschichte nicht illustrieren, sondern körperlich machen. Seine Bilder erzählten nicht von historischen Umständen, sie ließen deren Nachwirkungen als Haltung, als Schwere, als Farbauftrag, als verletzte Figur erscheinen. Das machte seine Kunst so schwer zu übersehen und so schwer zu beruhigen.
Der Blick, auf den Kopf gestellt
1969 malte Georg Baselitz mit „Der Wald auf dem Kopf“ sein erstes Bild in konsequenter Motivumkehr. Was zunächst wie ein formaler Eingriff erscheinen könnte, wurde zu einem der prägnantesten Zeichen seines Werks. Ab den Siebzigerjahren machten ihn die auf dem Kopf stehenden Bilder international bekannt. Doch diese Umkehr war kein Trick, kein Markenzeichen im oberflächlichen Sinn. Sie war eine Entscheidung gegen die Selbstverständlichkeit des Sehens.
Indem Baselitz seine Motive umkehrte, störte er die Gewohnheit, ein Bild zuerst als Abbild zu lesen. Der Gegenstand blieb vorhanden und wurde doch entzogen. Man sah Figur, Landschaft, Tier oder Kopf, aber man konnte sich nicht einfach in der Wiedererkennbarkeit einrichten. Farbe, Form, Fläche und Bewegung traten nach vorn. Das Bild verlangte eine andere Aufmerksamkeit. Es zwang dazu, die Malerei nicht als Fenster zur Welt zu betrachten, sondern als eigene Wirklichkeit.
Diese Umkehrung passt zu Baselitz’ ganzem Denken. Er wollte keine neue Ordnung errichten, nachdem er die zerstörerische Macht sogenannter Ordnungen kennengelernt hatte. Er wollte die Ordnung der Wahrnehmung erschüttern. Das Auf-dem-Kopf-Stehen war eine Art Befreiung des Bildes von der braven Pflicht, richtig herum zu sein. Und zugleich war es ein stilles, beharrliches Behaupten der Malerei selbst: ihrer Materialität, ihrer Eigenlogik, ihrer Widerspenstigkeit.
Holz, Druck, Bühne, Spur
Baselitz blieb nicht allein Maler. Seit den Sechzigerjahren begleitete die Druckgrafik sein Werk. Radierungen, Holzschnitte, später großformatige Linolschnitte erweiterten seine Bildsprache. In ihnen griff er Motive aus Gemälden und Zeichnungen auf, verschlüsselte sie neu, übersetzte sie in Linien, Schnitte, Flächen und grafische Spannungen. Seine Beschäftigung mit Druckgrafik des 16. Jahrhunderts zeigt, wie stark ihn Tradition interessierte, solange sie nicht zur Fessel wurde. Auch hier suchte er nicht die ehrfürchtige Fortsetzung, sondern die produktive Reibung.
Ende der Siebzigerjahre entstanden seine ersten Skulpturen aus grob bearbeitetem, bemaltem Holz. Die Kettensäge als Werkzeug passte zu dieser Kunst, die nicht glätten wollte. In den Holzfiguren ist der Angriff auf das Material sichtbar. Die Spuren der Bearbeitung bleiben Teil der Gestalt. Sie wirken nicht wie nachträglich geglättete Form, sondern wie ein Kampf zwischen Hand, Werkzeug und Masse. Wenn diese Arbeiten später in Bronze gegossen wurden, blieb die Erinnerung an das Holz, an den Schnitt, an die Wunde der Oberfläche erhalten.
Auch für die Bühne arbeitete Baselitz. 1993 entwarf er das Bühnenbild für Harrison Birtwistles Oper „Punch and Judy“ in Amsterdam, später folgten Arbeiten für György Ligetis „Le Grand Macabre“ in Chemnitz und für Richard Wagners „Parsifal“ bei den Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper. Selbst dort, wo die Reaktionen kritisch ausfielen, blieb er sich treu: Baselitz suchte keine gefällige Illustration, sondern eine bildnerische Setzung mit eigenem Gewicht.
Lehrer, Sammler, Streitfigur
Von 1977 an lehrte Baselitz an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, später über viele Jahre an der Hochschule der Künste in Berlin. Als Professor gab er nicht nur Wissen weiter, sondern stand für eine Kunstauffassung, die das Verwerfen, das Neuanfangen, das Misstrauen gegenüber dem schon Gesehenen ins Zentrum rückte. Für ihn musste ein Bild etwas enthalten, was bisher nicht gesehen worden war. Der Anfang lag bei ihm oft in der Disharmonie: im Chaos, im Tabubruch, im Widerstand gegen das Eingespielte. Dass daraus dennoch Harmonie entstehen konnte, gehörte zu den produktiven Paradoxien seines Werks.
Baselitz war zugleich eine öffentliche Figur, die Widerspruch hervorrief. Seine Aussagen wurden kontrovers diskutiert, insbesondere seine Bemerkungen über Frauen und Malerei stießen auf Kritik. Auch sein Protest gegen die geplante Verschärfung des Kulturgutschutzgesetzes zeigte ihn als jemanden, der sich einmischte und polarisierte. Ein Nachruf muss solche Spannungen nicht glätten. Sie gehören zu einem Leben, das nie auf Unangreifbarkeit angelegt war. Baselitz war kein sanfter Verwalter seines Ruhms. Er blieb ein Künstler der Kante, der Zumutung, des Eigensinns.
Gleichzeitig erfuhr er hohe internationale Anerkennung. Seine Werke waren auf der documenta, auf der Biennale von Venedig und in bedeutenden Museen weltweit zu sehen. Sie fanden Eingang in Sammlungen von Köln bis New York, von Paris bis London, von Basel bis Tokio. Auszeichnungen wie der Villa-Romana-Preis, der Goslarer Kaiserring, der Praemium Imperiale, das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, die Aufnahme in die Académie des Beaux-Arts und zahlreiche weitere Ehrungen zeugen von der Bedeutung seines Schaffens. Doch die eigentliche Bedeutung seiner Kunst liegt nicht in der Liste der Würdigungen, sondern in der Intensität, mit der seine Bilder den Blick verändern.
Die Kraft des Immer-wieder-Neuanfangens
Besonders bezeichnend für Baselitz war, dass er auch vor seinen eigenen früheren Bildern nicht Halt machte. In der Phase des „Remix“ griff er ältere Werke wieder auf und malte sie neu, schärfer, zeitnäher, aus veränderter Perspektive. Darin lag keine nostalgische Rückkehr, sondern ein erneuter Angriff auf das Eigene. Auch das bereits Geschaffene durfte nicht zur sicheren Ordnung werden. Selbst die eigene Vergangenheit musste befragt, umgedreht, beschädigt, neu gesehen werden.
Diese Haltung macht sein Werk so lebendig. Baselitz blieb nicht bei einem Erfolg stehen, auch nicht bei jenem Motivumsturz, der ihn weltberühmt machte. Er arbeitete weiter an der Frage, wie Malerei nach den Katastrophen des Jahrhunderts möglich sein kann, ohne sich in Schönheit zu retten und ohne bloße Anklage zu werden. Seine Kunst hielt den Schmerz der Geschichte aus, ohne ihn zu erklären. Sie machte Widersprüche sichtbar, ohne sie zu versöhnen. Sie vertraute der Farbe, der Linie, der Figur, dem Material, und misstraute zugleich jeder schnellen Bedeutung.
Ein stiller Blick zurück
Georg Baselitz hat der Kunst eine Sprache gegeben, die aus Bruchstellen besteht. Aus umgekehrten Wäldern, beschädigten Helden, groben Holzfiguren, verschlüsselten Grafiken, aus Spuren von Farbe, Schritten, Schnitten und Widerständen entstand ein Werk, das sich der bequemen Lesbarkeit entzieht und gerade darin seine Würde findet. Er zeigte, dass ein Bild nicht freundlich sein muss, um berührend zu sein. Dass Rauheit eine Form von Wahrheit tragen kann. Dass Unordnung nicht Schwäche bedeutet, sondern manchmal der ehrlichere Anfang ist.
Wer auf sein Leben blickt, sieht keinen geraden Weg, sondern eine Folge entschiedener Abzweigungen: von Deutschbaselitz nach Berlin, von der DDR in den Westen, von der Figur zur Umkehrung, von der Leinwand ins Holz, vom früheren Bild zum Remix. Immer wieder suchte Baselitz den Punkt, an dem das Vertraute kippt und der Blick neu beginnen muss.
Nun ist dieser unbequeme, große, eigensinnige Künstler verstummt. Seine Bilder aber bleiben in ihrer besonderen Gegenwart: nicht als beruhigende Erinnerungsstücke, sondern als offene Gegenüber. Sie hängen nicht einfach an Wänden. Sie fordern den Raum, sie drehen die Wahrnehmung, sie lassen die Ordnung schwanken. Und vielleicht liegt gerade darin die stille Nähe, die von Georg Baselitz bleibt: dass er uns gelehrt hat, dem Bild nicht zu schnell zu trauen, und dem eigenen Blick erst recht nicht.